1-Akter · ca. 80–95 Minuten · Monologstück mit Chor-/Off-Stimmen
 
Raum / Bühne

Zeit- und raumlos. Alles ist Glas: Tisch, Bett, Schreibtisch, Bücherregal. Der Boden wirkt wie eine spiegelnde Glasfläche. Eine gläserne Schale mit Erde, ein gläsernes Wasserglas, ein gläserner Stuhl. Projektionen können Schrift, Wasserreflexe und Risse zeigen.

Figur

DAS WESEN (androgyne Erscheinung; kann als Frau, Mann oder dazwischen gelesen werden). Trägt „die Vielen“ in sich.

Chor / Stimmen

STIMMEN (1–4 Performer:innen unsichtbar/Off oder elektronisch geschichtet). Flüstern, sprechen, skandieren; gelegentlich antwortet das Publikum in der Stille.

Leitmotiv

Transparenz ↔ Zerbrechlichkeit ↔ Spiegelung. Die Gier der Gegenwart und der Verrat an der Zukunft — unserer Kinder — als tragende Wunde.


WESEN (leise)
Ich höre das Atmen der Dinge.
Die Welt hält den Atem an, wenn Glas denkt, es sei Stein.
(Beat)
Verderben … um zu leben?

(Ein feines Knacken, als lösten sich Spannungen im Glas.)

Ich stehe in einem Haus ohne Wände,
und jede Berührung hinterlässt einen Abdruck aus Licht.
Ich sehe mich, ich sehe euch, ich sehe —
Linien der Zukunft, die wie Sprünge ans Tageslicht wollen.

(WESEN hebt die Hand, betrachtet die Spiegelung im Tisch.)

Ist es Vermessenheit, hier zu sprechen, wo alles schon gesagt wurde?
Oder ist es Notwehr, wenn Worte nach Luft ringen?

(L2 hebt minimal. Der Bass verstummt. Ein Hauch von Wind.)



MONOLOG I – „VERDERBEN, UM ZU LEBEN?“

(L3: frontales Kaltweiß, dünner Schatten hinter dem WESEN.)

WESEN
Verderben, um zu leben?
Entgleisen wir einer Moral, die Liebe und Verständnis nur behauptet —
so sauber eingerahmt, dass kein Atem mehr hindurchpasst?

Wir wählen unseren Weg — ja, bewusst.
Und dieser Weg hält uns die Umstände vor Augen,
herbeigeführt von Gier und Zweifel zugleich.
Von innen wie außen gestiftet, Versuchungen in makellosen Verpackungen,
Schlachten der Eitelkeit, die uns kurz beleben —
so kurz wie das Aufflackern einer Glühbirne vor dem Defekt.

Seit der Geburt im Joch von Mechanismen,
die behaupten zu wissen, „wie die Welt zu funktionieren hat“.
Und wir? Wir schmieren das Getriebe mit Gewohnheiten,
verstärken Zwänge wie ein Chor, der die falsche Tonart nicht bemerkt.

Die Weisheit der Gelehrten. (kurze Pause)
Die Weisheit der Heiliggesprochenen. (bitteres Lächeln)
Wissen — als hätten wir’s getrunken — verspricht keine Absolution.
(Hand aufs Herz) Wir dürsten. Tief.
Der Traum von Frieden und Liebe auf Erden?
Wie ein Papierboot in überhitzten Fluten:
abgeschmettert, wieder und wieder —
und doch noch in der Hand eines Kindes, das es falten will.

(Zur Rampe, Blick ins Publikum.)

Wenn sich die Vielen erheben,
nicht als Masse, sondern als Summe von Einzelnen,
im Schutz der Gerechtigkeit jedes Einzelnen!
Klarheit wächst, wo wir uns zusammentun;
wo der Einzelne — so einer wie ich —
sich durch die anderen entfalten darf.
Mutig brechen, was die Listigen „Regeln“ nannten.
Nicht mehr willenlos gehorchen,
sondern Verantwortung tragen — füreinander.

Absage an Gier und Bitterkeit,
die wie feiner Staub längst in unseren Lungen liegt.
Wir folgten der Eitelkeit,
dem Schein wichtiger als das Sein —
eine Scheinwerfer-Religion, die überall Schatten erzeugt.

(Atem, Schultern sinken.)

Die Zeit ist da, die Flagge des Herzens zu hissen.
Ungeschminkt das Vorhandene erkennen — und aushalten.
Stand finden auf dem Rücken dieses Sterns.
Dem Geruch modriger Gier entsagen.
(WESEN nimmt die Glasschale mit Erde, riecht daran.)
Frische Erde einsaugen.
(Faust ballen, langsam öffnen.)
Die Hand öffnen —
und sie dem Friedenswillen reichen.

Geschmückt in Demut vor uns selbst,
ungeachtet von Herkunft und Geschlecht.
Welche Bilder mein Herz ergreifen,
welche Nässe die Seele benetzt —
ohne je Erlösung sicher zu wissen.

Worte finden, die verbinden. Zukunft formen.
Ankommen im Schoß von Mutter Erde.
Unser Herz erheben — wir haben nur dies eine.
Dem Zufall Vertrauen schenken.
Hilfe annehmen, wenn sie rein geschieht.
Perfektionismus ablegen —
Fessel unseres Seins; ein Gitter der Erwartungen,
in dem wir selbst die Wärter spielen.

Solche Gedanken schwellen über,
locken mit der Nähe von Erlösung.
Doch wenn Erlösung kommt, dann aus uns —
aus dem Herzen, gestärkt im Vielen,
nicht gepresst in die Formen fremder Moral,
die unser Unvermögen zementiert.

(lange Pause — die Luft wird „dicker“)

Welch Gedanke …
Bestimme ich — oder werde ich bestimmt?
Bin ich auserkoren, dem Verfall entgegenzutreten —
als einzelnes, zerbrechliches, schwaches Wesen?

(ruhig, länger atmend)

Ich frage den Morgen nach seinem Ursprung, und der Morgen schweigt.
Vielleicht, weil auch er von Schulden lebt: geliehenes Licht,
auf Kredit gezogene Wärme. Und irgendwo zählt jemand die Zinsen
für unser Atmen. Wer legt das Maß an unser Wollen?
Wer stellt die Waage auf — und legt, unbemerkt, den Daumen drauf?

Wir sprechen von Freiheit und meinen Auswahl.
Wir sprechen von Würde und meinen Haltung.
Wir sprechen von Liebe und meinen Besitz.
Drei Irrtümer, fein geschliffen wie Glas — durchsichtig und doch schneidend.
Ich taste daran und ritze mir Worte in die Haut,
damit ich nicht vergesse, wofür ich heute aufgestanden bin.

Was, wenn Gier nur ein falscher Name ist
für die Angst, zu kurz zu kommen, noch bevor wir beginnen?
Was, wenn Zweifel nur die Vorsilbe des Mutes ist —
ein Zittern, das erinnert: Wir leben!
Ich stoße die Stirn an unsichtbare Regeln,
die die Listigen hinhalten wie Fenster, die sich nicht öffnen lassen.
Ich atme gegen die Scheibe, beschlage sie, zeichne mit dem Finger
einen Kreis und darin ein Herz und darin das Wort: Gemeinsam.

Sagt, ihr Heiligen, ihr Gelehrten, ihr Wortverleiher:
Wann hat Wissen je verziehen? Es ordnet, zählt, vergleicht —
doch Vergebung beginnt dort, wo Zahlen enden.
Ich lege die Zahlen ab wie Schuhe vor einem Tempel,
tapse barfuß über die kalte Kante der Welt
und bitte die Erde, mir die Füße zu wärmen.

Wenn sich die Vielen erheben, sind es vielleicht zuerst nur zwei,
dann drei, dann ein Dutzend leiser Kehlen.
Die Gerechtigkeit hat eine zarte Stimme, aber sie trägt weit,
wenn sie nicht allein bleibt.
Ich übe sie im Kleinen: am Tisch, im Blick, im Teilen des letzten
Bissens, der nie der letzte ist, wenn er geteilt wird.
Und im Großen: im Nein, das sanft ist und standhält;
im Ja, das keine Tür hinter sich zuschlägt.

Ich entlerne, was man mich lehrte:
dass Stärke hart sei,
dass Demut klein mache,
dass Herkunft Rang bedeute.
Ich lerne neu:
Stärke ist weich — nur Weiches passt sich an und bricht nicht.
Demut macht weit — nur Weites lädt ein.
Und Herkunft ist ein Fluss, kein Zaun.

(sacht)

Vielleicht ist Erlösung kein Ereignis, sondern ein Brauch.
Man tut ihn täglich, unauffällig:
Man nimmt der Gier die Bühne,
man nimmt dem Zweifel das letzte Wort,
und man gibt der Liebe das erste.

Und wenn ich falle — und ich werde fallen —,
möge ich so fallen, dass aus meinem Staub
Samen werden für Kinder,
die noch nicht wissen, wie sehr wir sie brauchen.

(offene Stille)

(L4: kurzer Black, sofort wieder auf.) 


Erfahren Sie mehr über die Stücke

Einblick in die Handlung

Jedes Theaterstück bietet eine einzigartige Erfahrung, die tief in menschliche Emotionen und gesellschaftliche Themen eintaucht.

Charaktere und Inszenierung

Die Figuren sind vielschichtig und werden durch minimalistische Bühnenbilder aus Glas eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Themen und Botschaften

Transparenz, Zerbrechlichkeit und die Herausforderung unserer Gegenwart stehen im Mittelpunkt der dramatischen Erzählungen.